Niemand lacht wie du.
Niemand bewegt sich wie du.
Niemand nimmt seine Emotionen auf exakt die gleiche Art wahr wie du.
Deinen Fingerabdruck gibt es kein zweites Mal.
Von Geburt an bist du auf deine ganz eigene, besondere  Weise ein Individuum.

Wenn zehn verschiedene Schauspieler auf der Bühne Goethes Faust spielen, alle mit demselben Bühnenbild, demselben Kostüm, denselben Requisiten und dem immer gleichen Text, wird doch jeder Faust anders sein.
Anders in Stimme, Mimik, Körperempfinden, Ausstrahlung, individuell in Körperwahrnehmung, im Fühlen der eigenen Emotionen, vielleicht auch mit verschiedenen Motivationen und Visionen für die Rolle.

Worauf ich hinaus will: wir alle werden in diese Welt mit einer unverwechselbaren Individualität hinein geboren. Wir müssen sie uns nicht verdienen oder erarbeiten und wir können sie auch nicht verlieren. Aber wir können sie verdecken, indem wir uns verstecken, uns anpassen, andere kopieren.

Was glaubst du, warum verschwinden so viele Menschen hinter massentauglichen Masken statt ihre Individualität mit neugieriger Freude zu entdecken und leuchtend strahlen zu lassen?

Die (bzw. eine 🙂 ) Antwort liegt in einem so großen wie weitverbreiteten Missverständnis:

Die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft und das freie Ausleben der eigenen Individualität scheinen nur schwer bis gar nicht vereinbar sein.

Denn reduziert auf die meist unbewussten Grundprägungen haben wir häufig in Elternhäusern und Schulen gelernt: Gemeinschaft bedeutet „Ich bin wie du“.
Wir hier sind fleißig /  ordentlich / rational / handwerklich begabt / dünn / gebildet / CDU-Wähler / Fleischesser / heterosexuell / …

Passt du dich an die in deiner Gemeinschaft geltenden Maßstäbe und Bedingungen an, erntest du zur Belohnung Anerkennung, Zugehörigkeit, Schutz und Sicherheit.
Der Preis ist der Verzicht auf allzu ambitioniertes Erforschen und Ausleben des eigenen individuellen Ausdrucks (also Selbstverwirklichung nur innerhalb der Komfortzone der Gemeinschaft).

Individualität bedeutet dagegen „Ich bin nicht wie du.“.
Im Gegensatz zu euch bin ich lässig / chaotisch / gefühlsbetont / ein Künstler / rundlich / Wahlverweigerer / Vegetarier / bisexuell / …

Anders zu sein als der Rest der Gemeinschaft kann zu zweierlei Leiden auf beiden Seiten führen:
beim Individuum selbst sind entweder Scham, Schuldgefühle und Minderwertigkeitsgedanken die Folge.

Beispiel 1: Der Sohn schämt sich, als einziger in einer Akademikerfamilie einen Handwerkerberuf zu haben und hält sich für dumm.
Beispiel 2: In einem Freundeskreis von lauter Pärchen fragt sich die Singlefrau, was mit ihr nicht stimmt.

Oder der Individualist bezieht seinen Selbstwert aus seinem Anderssein und stellt sich über die Gemeinschaft, was auch nicht zu einem Gefühl von Verbundenheit führt:

Beispiel 1: Sohn: „ Diese ganzen verkopften Snobs mit ihren Uniabschlüssen können doch nur Theorie schwafeln. Ich hingegen erschaffe etwas mit meinen Händen und habe Ahnung vom echten  Leben!“
Beispiel 2: Singlefrau: „Gott sei Dank kann ich ungebunden und  unabhängig meine Freiheit genießen, anstatt mich ständig meinem Partner anpassen zu müssen!“

Aus Sicht der Gemeinschaft wird der „unnormale“ Andersartige entweder ausgeschlossen,  vielleicht sogar geächtet oder aber angehimmelt und idealisiert.

Anders zu sein ermöglicht also die Freiheit, sein Leben nach den eigenen Vorstellungen und Wünschen zu formen, der Preis sind aber fehlende Sicherheit der Gemeinschaft und eine gewisse Einsamkeit.

–> Die Sehnsucht nach Sicherheit durch Anerkennung und Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft steht der Sehnsucht nach individuellem Selbstausdruck, dem Verwirklichen des eigenen wahren Seins gegenüber.

Was sind die Folgen, wenn die Erfüllung beider Sehnsüchte unvereinbar scheint?

Ängste, innere Zerrissenheit, Ohnmacht und die Wut darüber, die Suche nach Schuldigen an diesem Dilemma (bei sich oder Anderen) führen letztendlich zu dem Glauben, sich für eine Seite entscheiden zu müssen.
Daraus wiederum folgt ein meist unbewusstes zwanghaftes  Anpassen an die Bedingungen der Gemeinschaft (und schon verstecken wir uns hinter den erwünschten, gern gesehenen, „normalen“ Masken) oder ein zwanghaftes Anderssein (Es lebe die Revolution 😉 ).

Tatsächlich liegt die (Er-)Lösung im Erkennen und Transformieren des ursächlichen Denkmodells.
Friedliche, bunte Gemeinschaften eint die Erkenntnis, dass es gar nicht um Gleichheit, sondern um Gleichwertigkeit geht.
Sind Männer und Frauen gleich?
Nein. Aber gleichwertig! Genauso wie alle Menschen, die sich nicht eindeutig einem der beiden Geschlechter zuordnen können und andere Definitionen für sich gefunden haben.

Führen Singles und Paare das gleiche Leben?
Nein, aber definitiv ein gleichwertiges!

Macht uns die Wahl einer bestimmten Ernährungsweise, unser Bildungsabschluss, sexuelle Vorlieben, Hautfarbe, Familienstand usw. zu besseren oder schlechteren Menschen?
Auch nicht!

Eine Eiche ist nicht mehr oder weniger wert als eine Buche, ein Apfelbaum oder eine Tanne.
Ein Elefant ist genauso liebens- und lebenswert wie ein Tintenfisch oder eine Nachtigall.
Die Natur urteilt und bewertet da nicht: Die Schwerkraft gilt für alle, der Regen fällt für alle, die Sonne scheint über allen.
Warum sollten Menschen sich rechtfertigen oder ihren Wert beweisen müssen, nur weil sie weiblich sind, dunkelhäutig, jüdisch, arabisch, blond, dick, dünn, keine Kinder wollen, auf S/M stehen oder sich vegan ernähren?

„Ich bin wie du.“ und „Ich bin nicht wie du.“ ist beides zeitgleich wahr!
Wir alle sind individuell, also andersartig und gleichzeitig gleichwertig. Es ist nicht nötig, sich zwischen Extremen aufzureiben.
Mal tanzen wir aus der Reihe nach unserer ganz eigenen Melodie, mal verhalten wir uns wie der normalste Durchschnittsmensch.
Mal genießen wir das Eintauchen in die Masse, mal wollen wir leuchten und herausragen.

 

 

Ein Gefühl von Sicherheit ist dann erlebbar, wenn du dich auf die Gesetzmäßigkeiten des Lebens einlässt, anstatt darauf zu setzen, dass deine Mitmenschen / das Leben deine Vorstellungen und Erwartungen erfüllen.

Zwei dieser Gesetzmäßigkeiten sind das Resonanz- und das Spiegelgesetz, welche bedeuten, dass unsere Wahrnehmung der äußeren Welt immer unseren inneren Denkmodellen und Gefühlen entspricht und wir uns in der Reaktion unserer Mitmenschen erkennen können.
Verurteilst du dich selbst für etwas, was du zu sein (oder nicht zu sein) glaubst, wird dir Verurteilung durch Andere begegnen. Nimmst du dich selbst an und akzeptierst dich vollkommen, spürst du Selbst-Sicherheit.
Ein Gefühl von Zugehörigkeit entsteht dann, wenn du erkennst, dass du allein durch dein Mensch-Sein mit der Schöpfung verbunden bist. In aller Verbundenheit kannst du deine Individualität erforschen und damit die Gemeinschaft bereichern und erweitern.

Das Erleben von Sicherheit, Zugehörigkeit und kreativem Selbstausdruck ist erfüllbar, ohne dass du dich zwischen dem Anpassen an die Bedingungen einer Gemeinschaft und der Selbstverwirklichung deiner eigenen Individualität entscheiden musst!

Du fühlst dich in deiner Familie, deinem Freundes- oder Kollegenkreis manchmal wie ein Alien?
Vielleicht seid ihr in euren Lebenseinstellungen, Werten oder Interessen wirklich meilenweit auseinander und doch gibt es Punkte, in denen ihr euch gleicht:
ihr braucht Luft zum Atmen, euer Herz schlägt, ihr habt euren Weg als kleine, nackte Babys begonnen, es gibt Dinge, die euch Angst machen und andere die euch zum Lächeln bringen, ihr werdet sterben,  ihr wollt gesehen, verstanden, akzeptiert und geliebt werden und letztendlich sehnt ihr euch danach glücklich zu sein und gebt dafür jeden Tag das Beste, was euch gerade möglich erscheint.

Mach´ dir die GleichWERTigkeit von jedem Menschen immer wieder bewusst.
Gestehe diese Gleichwertigkeit bei Andersartigkeit auch den Leuten zu, von denen du enttäuscht oder verärgert bist.
Suche und finde, was euch verbindet und staune über die Besonderheit in / an jedem!
(Das heißt nicht, dass du jeden Mensch und jeden Lebensentwurf lieben oder auch nur sympathisch finden musst!! Manche/s wirst du nicht verstehen können oder wollen.
Und trotzdem nimmt ihnen dein Unverständnis / deine Ablehnung nicht den Wert.
Das gilt andersrum für dich genauso! Nur weil dich jemand nicht versteht oder blöd findet, ändert das nichts daran, dass du ein individuelles lebens- und liebenswertes Wesen bist!)

Durch das (An-)Erkennen der Gleichwertigkeit kann die Dankbarkeit über die enorme Vielfalt und Fülle in und um uns wachsen und wir tragen maßgeblich zu mehr Frieden bei.

Wie immer freue ich mich über deine Gedanken und Kommentare dazu! 🙂

 

P.S.: 

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7 Kommentare
  1. Super Sabine - Sabine Krink
    Super Sabine - Sabine Krink sagte:

    Liebe Franziska,
    ich staune immer wieder über deine komplexen Gedankengänge – danke dafür!

    In meinem Leben hat sich gerade im Laufe der letzten Jahre auch gezeigt, dass die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft von kürzerer Dauer sein darf, um dieses Bedürfnis nach Sicherheit und Dazugehören zu befriedigen. Während ich früher noch eine tragende Gemeinschaft über Jahre (besser noch Jahrzehnte oder ein Leben lang 😉 ) wollte, durfte ich feststellen, dass auch eine Gruppe, die ich nur 1 Woche – beispielsweise bei einem Seminar – treffe und dort ganz eintauche, mir dieses Gefühl des Verbundenseins geben kann. Sogar dann, wenn ich diese Menschen kaum kenne 🙂

    Ergo: Ich kann mir jederzeit das Gefühl des „Dazugehörens“ holen, indem ich den Fokus auf das „was haben wir gemeinsam“ lenke und das dann voll lebe! Und das finde ich eine sehr schöne Erkenntnis. Überall um mich sind Menschen und Lebewesen, mit denen ich mich verbinden kann. Wenn ich will.

    Herzensgruß
    Sabine

    Antworten
    • Franziska
      Franziska sagte:

      Liebe Sabine,
      Danke <3 ! Und: wie schön!! Ich finde auch, dass das Sich-Öffnen für die anderen und das, was uns verbindet, der Schlüssel zu dem Gefühl von Verbundenheit ist.
      Das ist eine wichtige Ergänzung, dass es dabei nicht um die Dauer einer Begegnung geht (diesen Punkt hatte ich gar nicht auf dem Schirm 🙂 ). Wie schön, dass du das für dich so klar erkennen und leben kannst!
      Alles Liebe,
      Franziska

      Antworten
    • Sylke
      Sylke sagte:

      Dem kann ich auch nur zustimmen, ich habe gelernt, mich in einer Gemeinschaft, der ich nur kurz angehöre, wohl und zugehörig zu fühlen.
      Dann ist es auch wieder schön, Raum für mich selbst zu haben, mir zu lauschen und mich zu leben…
      Interessant ist der Ansatz der Akzeptanz des Anderen… ja in jedem Menschen steckt etwas Schönes!
      Danke für den tollen Text!

      Antworten
      • Franziska
        Franziska sagte:

        Danke für deine Rückmeldung liebe Sylke!
        Ich bin ganz sicher, wenn wir einander mit offenen Augen begegnen, ist es leicht, das Schöne zu sehen!

        Antworten
  2. Barbara
    Barbara sagte:

    Ein wunderbarer Beitrag! Für mich ist das auch immer wieder Thema. Ich denke, je mehr wir ganz wir selbst sind umso mehr können wir andere so sein lassen wie sie sind – weniger Bewertung und mehr Anerkennen dessen, was wir sind würde uns allen so gut tun!

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  1. […] habe ich meinen letzten Blogbeitrag über Individualität und Gemeinschaft geschrieben und gar nicht gemerkt, dass das wohl eine […]

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